Bild: Pixabay

Altersforschung: Forever Young?

Publiziert

Jeanne Louise Calment war eine französische Altersrekordlerin. Sie war der erste Mensch, der sein 116. sowie die jeweils darauffolgenden Lebensjahre bis einschliesslich des 122. vollendete. Was unterschied Frau Calment von anderen Menschen? Wo ist die Grenze? Gibt es überhaupt eine Grenze? Und wenn wir sie weiter nach oben verschieben können, was hat das für Konsequenzen? Medizinisch? Gesellschaftlich? Ökonomisch?

 

Fakten und Mythen

Die Fakten zur Langlebigkeit zeigen, dass die durchschnittliche Lebenserwartung in vielen Ländern gestiegen ist. Dies ist auf verschiedene Faktoren wie verbesserte medizinische Versorgung, bessere Ernährung und Lebensbedingungen zurückzuführen. Eine Anfrage via ChatGPT ergab: «Es gibt Mythen und falsche Vorstellungen zur Langlebigkeit, wie zum Beispiel die Idee, dass bestimmte Lebensmittel oder Produkte das Altern verlangsamen können.» Interessant: Am GeroScience Lab der universitären Altersmedizin des Felix Platter Spitals wird nämlich genau daran sehr erfolgreich geforscht. Es ist also eher der Mythos, dass ChatGPT alles weiss.

Medizinischer Fortschritt

1993 entdeckte Cynthia Jane Kenyon, dass eine einzelne Mutation am daf-2-Gen von C. elegans (dem Fadenwurm) die Lebensspanne verdoppelt. Eine Mutation an einem weiteren Gen (daf-16) macht dies rückgängig. Dies funktioniert auch bei Säugetieren. Bei Mäusen steigt die Lebenserwartung um 60 Prozent.

Nicht nur die Gene haben Einfluss auf die Lebenserwartung. Cynthia Kenyon fiel auch auf, dass Glukose-Konsum die Lebenserwartung von C. elegans verkürzt. Seitdem befolgt sie selbst eine Diät mit niedrigem glykämischem Index.

In der Schweiz beschäftigt sich Professor Collin Ewald, Molekularbiologe am GeroScience Lab, seit 20 Jahren mit diesem immer noch jungen Forschungsgebiet. Das Ziel der Altersforschung ist jedoch nicht, das Leben zu verlängern, sondern die gesunden Lebensjahre, sagt Ewald. Der Alterungsprozess beginnt mit der Geburt. Permanent werden Schäden im Körper repariert. Diese Reparaturmechanismen werden mit zunehmendem Alter ineffektiver. Bei den sogenannten Centenarians, den Hundertjährigen, sind diese Reparaturmechanismen länger aktiv. Ewald schätzt, dass in zehn Jahren dieser Prozess – validiert mit klinischen Studien – mit Er-gänzungsmitteln beeinflusst werden kann. Bis 2050 könnte das Alter kontrolliert sein. Das heisst, eine Lebensverlängerung bis knapp über 120 Jahren wäre möglich. Dann scheint aber das Limit erreicht zu sein. Es gibt Schäden, die nicht repariert werden, die sich dann summieren und letztendlich doch zum Tod führen.

Lebensqualität im Alter

Lebensqualität im Alter umfasst verschiedene Aspekte wie körperliche Gesundheit, geistige Fitness, soziale  Interaktionen  und  emotiona- les Wohlbefinden. Sozialethische Fragen stellen sich dabei, wie zum Beispiel die Verteilung von Ressourcen und die Wahrung der Gesundheit und Autonomie älterer Menschen. Laut Ludwig Hasler, Philosoph, ist die sogenannte dritte Lebensphase (65–80 Jahre), ein menschheitshistorisches Geschenk. Das gab es noch nie: Eine so lange Phase frei von Erwerbsarbeit und existenziellen Ängsten. Die Frage ist: Wird das Leben nur verlängert oder bleibt man auch länger gesund? 

David Sinclair, australischer Professor für Genetik, sagte in einem Interview mit der Harvard Gazette, dass der Mensch, der 150 Jahre alt wird, bereits geboren sein könnte. In Zukunft werden also vermutlich sechs Generationen gleichzeitig auf der Erde leben. Dies führt zu Dichtestress und damit gesellschaftlichen Problemen. Hasler stellt die philosophische Frage: Hat die Endlichkeit einen Sinn oder ist sie nur schlecht? Und beantwortet sie auch gleich: Nur Endlichkeit macht das Leben lebenswert. Das Leben besteht aus endlosen Wiederholungen. Auch mit einem längeren Leben gibt es kein Zurück zu jugendlicher Naivität und Neugier. llusionen gehen verloren. Ein Alter von hundert sei ein gesundes Mass für menschliches Drama. Länger sollte man nicht leben (müssen).

Neue Wohnformen

Schon jetzt müssen wir uns auf die steigende Anzahl älterer Menschen vorbereiten und geeignete Wohnformen und Betreuungsmodelle entwickeln. Eine längere Lebenserwartung bedeutet oft eine höhere Nachfrage nach Pflegeeinrichtungen und medizinischer Versorgung.

Dies kann zu Engpässen führen und die Ressourcen der Einrichtungen belasten. Es kann auch zu finanziellen Herausforderungen führen, da längeres Leben zusätzliche Kosten für die Gesundheitsversorgung und Betreuung mit sich bringen kann. Es ist wichtig, dass sich Heime und Spitäler auf die steigende Nachfrage vorbereiten und ihre Ressourcen entsprechend planen. Dies kann die Entwicklung effizienterer Pflegemodelle, den Einsatz von Technologie zur Unterstützung der Pflege und die Förderung einer gesunden Lebensweise umfassen, um die Gesundheit im Alter zu verbessern.

Hier setzt gemäss Raymond Loretan, Präsident des Verwaltungsrats von  Swiss  Medical   Network,   die   integrierte   Versorgung im Réseau de l’Arc an, denn sie fördert Prävention und eine bessere Koordination durch Digitalisierung. Das Réseau de l’Arc ist eine gemeinsame Initiative von Swiss Medical Network, der Krankenversicherung Visana und dem Kanton Bern. Für alle Beteiligten gibt es starke Anreize, die Kosten niedrig zu halten.

Wenn in Prävention investiert wird, die Patienten insgesamt gesünder sind und die Qualität der medizinischen Versorgung dank Bündelung verbessert wird, sollten weniger Kosten entstehen. Zurzeit werden beispielsweise Akutpflegekräte ausgebildet, die ihre PatientInnen auch daheim weiter betreuen. Akutpflegekräfte als Spitex? Ist nicht gerade das teuer? Nein, sagt Loretan, denn die Patientinnen im Spital zu behalten, sei noch wesentlich teurer. Der Pflegeberuf wandelt sich.

Auch die Digitalisierung wird im Réseau de l’Arc vorangetrieben. In fünf bis zehn Jahren soll es virtuelle Gesprächspartner geben, die einfache Fragen beantworten können. Kaiser Permanente in den USA und Ribera Salud in Spanien haben bereits mit Microsoft zusammen entsprechende Lösungen entwickelt und setzen diese ein. Ob die Modelle in der Schweiz die Kostenexplosion bremsen können, muss sich noch zeigen. Darüber nachzudenken, lohnt sich auf jeden Fall.

Finanzierung der Langlebigkeit

Die Finanzierung der Langlebigkeit ist eine komplexe Frage. Es erfordert eine Kombination aus staatlicher Unterstützung, privater  Vorsorge  und innovativen Finanzierungslösungen. Eine nachhaltige Finanzierung ist wichtig, um sicherzustellen, dass pflegebedürftige Menschen angemessene Unterstützung erhalten. Michaela Tschuor, Regierungsrätin und Gesundheitsdirektorin des Kantons Luzern, ist sich der Problematik bewusst. Auch sie setzt auf mehr ambulante Leistungen. Hospital@home und Care@home werden zwar diskutiert, bisher gibt es aber noch keine konkreten Projekte. Mit EPIC hat das Kantonsspital Luzern eine potente Software gekauft.

Im ersten Halbjahr 2024 soll das elektronische Patientendossier (EPD) angebunden sein. Ein weiterer Schritt in Richtung Digitalisierung. Der Einsatz von KI ist in diesen Plänen jedoch noch weit entfernt.

Das Thema Alter und Lebenserwartung hat so viele Aspekte, dass sich Professor Ewald ein «Longevity Valley» in der Schweiz wünscht, ein Zentrum für Altersforschung analog zum Silicon Valley in den USA. Warum nicht? Es scheint lohnend.

 

Dr. Sylvia Blezinger ist Gründerin und Geschäftsführerin von Blezinger Healthcare, einem Dienstleistungsunternehmen für Fortbildung und Personalberatung. Sie ist seit über 20 Jahren im Gesundheitswesen tätig. Seit 2001 beschäftigt sie sich  intensiv mit Planung, Bau und Organisation von  Spitälern und Pflegeheimen.

«Forever Young» ist auch der Titel der nächsten Trendtage Luzern (6.–7. März 2024)