Die Pflanze Cannabis gilt vielen noch immer primär als psychotrope, also bewusstseinsverändernde Substanz dabei wächst die Evidenz, dass einzelne, nicht-psychotrope Inhaltsstoffe wie Cannabidiol (CBD) ebenfalls eine Rolle in der modernen, integrativen Medizin spielen können. [1] In der Schweiz gewinnen Anwendungen von aus Nutzhanf gewonnenem CBD zunehmend an Bedeutung, etwa in Form von Ölen, Kapseln oder topischen Präparaten. Weniger im Fokus, aber zunehmend nachgefragt, sind CBDhaltige Hanftees: Sie knüpfen an bekannte PhytotherapieTraditionen an und lassen sich ohne Stigmatisierung in alltägliche Rituale integriere vom «Schlaftee» bis zur Tasse für einen ruhigen Moment während der Rehabilitation.
Hersteller wie die Heimat Manufaktur AG aus Steinach (SG) positionieren ihre Hanf-Kräuter- Tees bewusst an der Schnittstelle von Genuss, Wohlbefinden und unterstützender Phytotherapie. Die Produkte sind als Lebensmittel registriert und unterliegen nicht dem Arzneimittelrecht. Genau diese Niederschwelligkeit macht sie für Apotheken und ausgewählte Kliniken interessant, die ihren Patientinnen und Patienten pflanzliche Optionen anbieten möchten, die bestehende Routinen um ein bewusstes Ritual ergänzen – ohne den Anspruch, zugelassene Arzneimittel zu ersetzen.
CBD und Terpene – das Team in der Tasse
Pharmakologisch unterscheidet sich Hanftee klar von inhalativen oder sublingualen Applikationsformen. CBD liegt in der Pflanze überwiegend als Cannabidiolsäure (CBDA) vor und wird durch Erhitzung etwa beim Aufguss mit heissem Wasser oder durch vorgängige Verarbeitung in die aktive Form CBD überführt. Der Wirkstoff wird anschliessend über den Verdauungstrakt aufgenommen und unterliegt einem ausgeprägten First-Pass-Metabolismus [1]; im Vergleich zu Vaporizern, Rauchwaren oder sublingual applizierten Extrakten setzt die Wirkung verzögert und insgesamt sanfter ein.
Hinzu kommt: CBD und andere Cannabinoide sind stark lipophile Moleküle und lösen sich in Wasser nur begrenzt. Eine Studie des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung [2,3] zeigte, dass bei einem Aufguss mit kochendem Wasser im Durchschnitt nur ein kleiner Teil aller Cannabinoide in den Tee übergehen. Wer die Extraktion verbessern möchte, kann dem Aufguss etwas Fett zugeben etwa einen Schuss Kokosmilch und so den Übergang der lipophilen Cannabinoide deutlich steigern.
Was beim Hanftee jedoch den eigentlichen Unterschied machen könnte, sind nicht primär die Cannabinoide, sondern die natürlichen aromatischen Terpene. Jede Hanfsorte weist ein individuelles Terpenprofil auf: flüchtige aromatische Verbindungen wie Limonen, Myrcen, Linalool oder Beta-Caryophyllen. Diese sind für die charakteristischen Duftnoten und den Geschmack jeder Sorte verantwortlich. So basieren etwa die reinen Hanftees «Dream» und «Focus» der Heimat Manufaktur AG auf unterschiedlichen Hanfsorten, was sich sensorisch in einem eher erdig-weichen gegenüber einem hellen, frisch-floralen Aromaprofil zeigt.
In der Cannabismedizin wird seit einigen Jahren der sogenannte Entourage-Effekt diskutiert [4], also die Hypothese, dass Terpene und andere Pflanzenbestandteile die Gesamtwirkung von Cannabinoiden modulieren können. Präklinische Studien deuten für einzelne Terpene zwar auf potenzielle Effekte etwa stimmungsaufhellende, sedierende oder entzündungshemmende Mechanismen hin, doch ist die Evidenzlage noch sehr begrenzt.
Ob Terpene in den Konzentrationen eines Teeaufgusses beim Menschen über olfaktorische Wahrnehmung oder über direkte pharmakologische Mechanismen messbare Effekte haben, bleibt wissenschaftlich noch zu klären [5].
Für den klinischen Alltag bedeutet das: Hanftees eignen sich laut aktueller Evidenz nicht für akute Interventionen. Sie können jedoch als bewusstes Ritual in den Alltag integriert werden etwa als Abendtee zur Förderung einer ruhigen Routine oder als Genusspause während belastender Phasen. Eine pharmakologische Wirkung im klinischen Sinne ist bei den über den Teeaufguss erreichten Konzentrationen nicht belegt.
Das Ritual des Teetrinkens bewusstes Aufgiessen, Warten, Trinken – kann aus psychosomatischer Sicht aber selbst eine beruhigende Wirkung entfalten. Entscheidend für das Patientenvertrauen und die Akzeptanz ist eine klare Kommunikation: Heimat Manufaktur AG betont, dass es sich nicht um ein zugelassenes Arzneimittel mit garantierter Wirkung, sondern um ein standardisiertes, geprüftes Lebensmittel mit potenziellem Zusatznutzen handelt.
Funktional komponierte Hanftee-Linie
Die Heimat Manufaktur AG setzt bei ihren Hanftees auf Schweizer Indoor-Hanf, kombiniert mit ausgewählten Heil- und Kräuterpflanzen. Sechs Tees und Teemischungen setzen geschmacklich und aromatisch unterschiedliche Akzente: «Dream» mit einem erdigen, weichen Profil für den Abend, «Focus» mit frisch-floralen Noten für den Tag, «Oasis» als Kräutermischung mit Hibiskus und Lavendel, «Flamina» mit Ingwer und Kurkuma, «Monthly» als kräuterbetonter Begleiter und «Push» mit Guayusa, Mate und Matcha als pflanzliche Alternative zu koffeinhaltigen Heissgetränken.
Gerade für Apotheken ist diese Kombination aus Transparenz, Schweizer Herkunft und klarer Positionierung attraktiv. Die Hanftees werden gezielt als Ergänzung zu bestehenden pflanzlichen Empfehlungen angeboten. In der Offizinberatung lassen sich die Mischungen gut in bewährte Beratungspfade einbauen: etwa «Dream» als Ergänzung zu klassischen Schlaftees mit Baldrian oder Melisse oder «Oasis» in Kombination mit anderen entspannenden Teemischungen. Der THC-Gehalt liegt unter dem schweizerischen Grenzwert; die Tees gelten als nicht psychotrop.
Erste Erfahrungen aus Kliniken und Reha
Nach Angaben des Unternehmens werden die Hanftees von Heimat Manufaktur AG bereits in mehreren Schweizer medizinischen Einrichtungen und Rehabilitationskliniken eingesetzt. Konkrete, systematisch publizierte Daten liegen zwar noch kaum vor, doch die Rückmeldungen von Fachpersonen und Patientinnen und Patienten fallen laut Hersteller mehrheitlich positiv aus. Häufig berichtet würden ein als angenehm empfundenes Ritual, eine subjektiv wahrgenommene Beruhigung sowie eine positive Gesamtbewertung des Geschmackserlebnisses. Ob diese Rückmeldungen auf die Inhaltsstoffe, das Teeritual selbst oder eine Kombination beider Faktoren zurückzuführen sind, lässt sich ohne kontrollierte Studien nicht beurteilen.
Parallel dazu unterstützt die Heimat Manufaktur AG klinische Pilotprojekte mit anderen CBD-haltigen Darreichungsformen, etwa tabakfreien Pre-Rolls, um den Einsatz von Cannabinoidprodukten im Klinikalltag genauer zu untersuchen. Diese Studien lassen keine direkten Rückschlüsse auf die Wirkung von Hanftee zu, verdeutlichen aber den Anspruch, Daten in Kooperation mit unabhängigen Institutionen zu generieren. Für Hanftees selbst wären zukünftige Beobachtungsstudien mit Patient-reported Outcomes etwa zu Schlaf, Stimmung und Lebensqualität ein logischer nächster Schritt, um den Stellenwert im Spektrum der Phytotherapie besser zu definieren.
Chancen und Herausforderungen in der medizinischen Praxis
Die Chancen von CBD-haltigen Hanftees liegen auf der Hand: Das vertraute Format Tee erleichtert den Zugang sowohl im Fachhandel als auch in Einrichtungen, die pflanzliche Genussprodukte in ihr Angebot integrieren möchten. Gleichzeitig erfordert der Einsatz im medizinischen Kontext ein hohes Mass an Transparenz klare Informationen zu Inhaltsstoffen, Cannabinoid- und Terpengehalt, Darreichungsform, Prüfanalysen und rechtlicher Einordnung. Hersteller, die dies liefern, erleichtern es Fachpersonen, solche Produkte verantwortungsvoll einzusetzen. So lassen sie sich niederschwellig und stigmaneutral in pflegerische Routinen integrieren mit der Chance auf eine gute Akzeptanz.
Die Grenzen sind ebenso klar: Hanftees sind keine zugelassenen Arzneimittel und ersetzen weder Analgetika noch Psychopharmaka oder andere notwendige Therapien. Ohne robuste klinische Daten bleibt ihre Rolle auf die unterstützende Anwendung im Rahmen eines multimodalen Behandlungskonzepts beschränkt. Hinzu kommen regulatorische Fragen: Wie weit dürfen Kliniken und Reha-Einrichtungen bei der Empfehlung und Abgabe von CBD-haltigen Lebensmitteln gehen? Welche Dokumentation ist nötig, um im Sinne von Qualitätssicherung und Patientensicherheit zu handeln? Hier braucht es Dialog zwischen Herstellern, Fachpersonen und Behörden und eine klare Trennung zwischen seriöser Information und Marketing.
[1] Millar SA, Stone NL, Yates AS, O’Sullivan SE. A Systematic Review on the Pharmacokinetics of Cannabidiol in Humans. Frontiers in Pharmacology. 2018;9:1365. doi:10.3389/ fphar.2018.01365
[2] Triesch N, Vijayakumar N, Weigel S, These A. Transfer of cannabinoids from hemp tea (Cannabis sativa L.) to the infusion. Food Additives & Contaminants: Part A. 2023;40(8):1046–1058. doi:10.1080/19440049.2023.2231564
[3] Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Nachgemessen: Welche Menge an Cannabinoiden geht in den Hanftee-Aufguss über? Mitteilung Nr. 33/2023 vom 21.07.2023. Berlin: BfR, 2023.
[4] Russo EB. Taming THC: potential cannabis synergy and phytocannabinoid-terpenoid entourage effects. British Journal of Pharmacology. 2011;163(7):1344–1364. doi:10.1111/j.1476-5381.2011.01238.x
[5] Suraev AS, Marshall NS, Vandrey R, et al. Cannabinoid therapies in the management of sleep disorders: A systematic review of preclinical and clinical studies. Sleep Medicine Reviews. 2020;53:101339. doi:10.1016/j.smrv.2020.101339 Gekürzte Liste, weitere Quellen auf Anfrage erhältlich.
Hanftee: Eine persönliche Erfahrung der Redaktion
Als viel beschäftigte Journalistin zwischen Redaktion, Reisen, Familie und Haushalt bin ich bekennende Kaffeetrinkerin Zeit für neue Rituale ist selten. Für diesen Beitrag habe ich dennoch die Hanftees von Heimat Manufaktur AG getestet, insbesondere «Push» am Morgen, «Focus» bei der Arbeit und «Oasis» nach Feierabend Sorten, die meinem Alltag am nächsten kommen.
Die Verpackung wirkt schlicht, aber wertig; die Texte sind pointiert formuliert und machen tatsächlich gute Laune. Geschmacklich haben mich vor allem die Mischungen überzeugt. Die reinen Hanftees etwa «Focus» schmecken für mich zu stark nach Hanf. Die aromatisierten Varianten mit Kräutern und Früchten empfand ich als rund und alltagstauglich. Eine klar spürbare Wirkung konnte ich bei mir nicht feststellen. Wertvoll war für mich vor allem das Ritual: Wasser aufgiessen, kurz innehalten, eine Tasse Tee bewusst trinken. Diese kleine, selbstgewählte Unterbrechung im dichten Tagesablauf war vielleicht der grösste Effekt unabhängig von CBD.