Ein Marathon ohne sichtbare Ziellinie. Und alle paar Meter muss die Läuferin stehen bleiben, um zu erklären, weshalb dieses Rennen überhaupt nötig ist. So beschrieb Thao Nguyen von Equal Care den Aufbau ihres Unternehmens. Das Bild traf einen Nerv des zweiten Swiss Gender Medicine Symposiums: In diesem Feld bewegt sich viel. Forschende erschliessen biologische Zusammenhänge, Unternehmen entwickeln Anwendungen, Hochschulen verändern ihre Lehre. Gleichzeitig müssen die Beteiligten immer wieder begründen, weshalb ihre Arbeit wichtig ist.
Dabei ist das Ziel weder exotisch noch exklusiv: eine Medizin, die genauer hinsieht. Die erkennt, für wen ein Medikament wirkt, welche Beschwerden eine andere Diagnostik erfordern und welche Lebensbedingungen den Zugang zur Behandlung erschweren. Eine Medizin, die vorhandenes Wissen nutzt, statt Unterschiede zu übersehen oder Menschen nach überholten Annahmen zu versorgen.
Wie dieser Anspruch zum Alltag wird, stand am 26. und 27. Oktober 2026 im Kursaal Bern zur Diskussion. Das von Michael Rauchenstein moderierte Symposium brachte Fachpersonen aus Forschung, Versorgung, Industrie und Politik zusammen. Der erste Tag zeigte ein Fach im Aufbruch – mit konkreten Lösungen, neuen Kooperationen und einer gemeinsamen Herausforderung: Fortschritt muss über einzelne Projekte und engagierte Persönlichkeiten hinaus Bestand haben.
Kein Sonderweg, sondern bessere Präzision
Gastgeberin Beatrice Beck Schimmer stellte gleich zu Beginn klar: Gendermedizin schafft keine getrennte Medizin für Frauen und Männer. Sie gehört zur Präzisionsmedizin. Biologisches Geschlecht und soziokulturelle Einflüsse prägen, wie Krankheiten entstehen, sich zeigen und behandelt werden. Wer Prävention, Diagnose und Therapie auf einzelne Menschen zuschneiden will, muss beides berücksichtigen.
Das bedeutet nicht, alle Frauen oder alle Männer jeweils als einheitliche Gruppe zu betrachten. Vielmehr erweitert sich der Blick: auf Alter und Lebensphase, Stoffwechsel und Hormone, soziale Unterstützung und Gesundheitsverhalten. Geschlecht ist dabei ein wichtiger Einflussfaktor, aber nicht die ganze Erklärung. Die entscheidende Frage lautet, welche Unterschiede für die konkrete medizinische Entscheidung relevant sind. In der wissenschaftlichen Arbeit kommt es deshalb auch darauf an, ihr Zusammenwirken zu untersuchen.
Vera Regitz-Zagrosek von der Charité University Medicine Berlin zeichnete nach, wie sich diese Perspektive entwickelt hat: von der Frauengesundheitsbewegung über die Erforschung biologischer Geschlechtsunterschiede bis zur heutigen, breiteren Betrachtung. Aus zunächst wenig beachteten Fragen ist ein Forschungsfeld mit Netzwerken, Methoden und institutionellen Strukturen geworden. Abgeschlossen ist dieser Wandel jedoch nicht.
Gerade deshalb müsse jetzt der nächste Schritt gelingen. Regitz-Zagrosek forderte stabile Forschungsförderung, dauerhafte Karrierewege und eine stärkere Verankerung in Ausbildung, Prüfungen und Leitlinien. Nachwuchsforschende für das Thema zu gewinnen, ohne ihnen anschliessend eine berufliche Perspektive zu eröffnen, sei nicht nachhaltig. Wissen müsse über einzelne Personen und befristete Projekte hinaus bestehen können.
Beck Schimmer verdichtete diese Aufgabe zu drei Botschaften: «Consolidate», «Collaborate» und «Convert from knowledge to impact». Also: Erreichtes bündeln, über Fach- und Institutionsgrenzen hinweg zusammenarbeiten und Erkenntnisse wirksam machen. Denn eine gute Idee, die nur an einem Spital umgesetzt wird, verändert noch kein Gesundheitssystem.
Wenn Erkenntnis in der Sprechstunde ankommt
Was das praktisch bedeutet, zeigte Noel Bairey Merz vom Cedars-Sinai Medical Center. Ihr Beispiel: die Herzgesundheit von Frauen. Lange konzentrierte sich die kardiologische Diagnostik stark auf Verengungen der grossen Herzkranzgefässe. Doch Beschwerden und Durchblutungsstörungen können auch auftreten, wenn dort keine solchen Engstellen sichtbar sind. Bairey Merz erläuterte, wie die Erforschung kleiner Herzgefässe und ihrer Funktionsstörungen dazu beitrug, bislang unzureichend verstandene Krankheitsbilder besser zu erfassen.
Die Konsequenz reicht über eine zusätzliche diagnostische Kategorie hinaus. Wenn Untersuchungen das Problem nicht erkennen, fehlt die Grundlage für eine gezielte Behandlung. Was als unklarer Befund stehen bleibt, kann für Betroffene einen langen Weg durch das Gesundheitswesen bedeuten. Präzisere Diagnostik eröffnet dagegen die Möglichkeit, Beschwerden einzuordnen und das weitere Vorgehen darauf auszurichten. Bairey Merz betonte zugleich, dass die gewonnenen Erkenntnisse Männern und Frauen gleichermassen zugutekommen.
Der Aufbau ihres Versorgungsprogramms erforderte allerdings mehr als wissenschaftliche Überzeugungsarbeit. Als grösste Anfangshürde nannte sie fehlende Überweisungen. Ihr Team reagierte pragmatisch: mit einer gut zugänglichen Website und der Möglichkeit für Frauen, sich selbst vorzustellen. Die passende Versorgung musste nicht nur existieren. Sie musste auch erreichbar sein.
Dieses Zusammenspiel von Forschung und praktischer Organisation zog sich durch den Tag. Fortschritt entsteht nicht allein durch neue Erkenntnisse, sondern auch dadurch, dass jemand die Lücke zwischen Wissen und Anwendung schliesst.
Wissen nutzbar machen – statt auf Vollständigkeit warten
An genau dieser Lücke setzt Thao Nguyen an. Viel relevantes Wissen sei bereits vorhanden, sagte sie: in Studien, Untergruppenanalysen, ergänzenden Tabellen und regulatorischen Dokumenten. Nur liegt es oft nicht dort bereit, wo eine Entscheidung getroffen wird. Von jeder Ärztin und jedem Arzt zu erwarten, all diese Informationen selbst zusammenzutragen, ist deshalb keine skalierbare Lösung.
Equal Care arbeitet nach Nguyens Darstellung daran, geschlechts- und genderspezifische Evidenz zu strukturieren und für digitale Gesundheits- und KI-Anwendungen nutzbar zu machen. Das Unternehmen will kein neues Wissen erzeugen, sondern vorhandenes erschliessen. Die langfristige Vision: Relevante Informationen unterstützen Entscheidungen im Hintergrund, ohne dass Behandelnde jedes Mal bewusst nach ihnen suchen müssen.
Darin liegt auch eine unternehmerische Perspektive. Aus dem Anspruch auf präzisere Versorgung wird eine konkrete Aufgabe für digitale Infrastruktur und die Aufbereitung von Evidenz. Allerdings verschwindet die Forschungslücke dadurch nicht: Was nie untersucht wurde, kann auch eine KI nicht zuverlässig aus vorhandenen Daten erschliessen. Nguyen grenzte die Nutzbarmachung von Wissen deshalb ausdrücklich von dessen Erzeugung ab.
Hier setzte Ivana Jaric von der Universität Zürich an. Ihr Blick galt Zellen und Tiermodellen – also jener Forschung, die lange vor der klinischen Anwendung beginnt. Geschlecht müsse bereits im Versuchsdesign berücksichtigt werden. Dabei genügt es nicht, einfach beide Geschlechter einzuschliessen: Wer Unterschiede belastbar untersuchen will, braucht dafür geeignete Fragestellungen, Methoden und Auswertungen.
Jaric warb für Schulung, gemeinsame Werkzeuge und den Austausch zwischen Grundlagenforschung und Klinik. Klinische Beobachtungen können Hinweise geben, welche Mechanismen untersucht werden sollten; präklinische Forschung kann helfen, diese zu erklären. Zugleich dürfe der breitere Einschluss beider Geschlechter nicht die gezielte Erforschung weiblicher Biologie verdrängen. Die bislang offenen Fragen verschwinden nicht dadurch, dass ein Studiendesign formal ausgewogener wird.
Standards sind erst der Anfang
Wie aus berechtigten Forderungen bessere Forschungspraxis wird, beschäftigt Shirin Heidari von Gendro seit Jahren. Zum zehnjährigen Bestehen der SAGER Guidelines beschrieb sie wissenschaftliche Zeitschriften als wichtigen Hebel: Was Herausgebende und Peer-Reviewer verlangen, beeinflusst nicht nur die Darstellung von Ergebnissen, sondern auch die Planung und Durchführung von Forschung.
Die Empfehlungen zur Berücksichtigung von Sex und Gender haben nach ihrer Darstellung breite Aufnahme in Verlagsrichtlinien gefunden. Doch eine formale Übernahme garantiert keine konsequente Anwendung. Die nächste Aufgabe besteht deshalb darin, die Anforderungen in die tatsächlichen redaktionellen Abläufe einzubinden und mit anderen Forschungsstandards abzustimmen.
Heidari wollte dabei ausdrücklich nicht bloss eine weitere Checkliste etablieren. Ihr ging es um gemeinsame Verantwortung und wissenschaftliche Neugier: Was lässt sich erkennen, wenn genauer gefragt und ausgewertet wird? Zum Abschluss wählte sie dafür eine ungewöhnliche Form. In einer poetischen Reflexion über die gemeinsame Arbeit an einem Ethikprojekt sprach sie von überhörten Stimmen, Machtverhältnissen und dem Raum für eine andere Forschungskultur. Ein persönlicher Moment, der den institutionellen Fragen des Tages eine menschliche Dimension gab.
Wie notwendig dieser breitere Blick ist, zeigte die Scientific Session «Clinical Guidelines». Mathias Wullum-Nielsen von der University of Copenhagen erläuterte, weshalb einzelne Merkmale nicht nur getrennt untersucht werden sollten. Intersektionale Analysen betrachten ihr Zusammenwirken – etwa von Geschlecht, sozialer Lage und ethnischen Zuschreibungen. Am Beispiel KI-gestützter Bildauswertung machte er deutlich: Eine gute durchschnittliche Leistung sagt noch nicht, ob ein System für unterschiedliche Teilgruppen gleich zuverlässig arbeitet.
Sabine Oertelt-Prigione von der Universität Bielefeld führte diese Frage bis zu den Behandlungsempfehlungen weiter. Leitlinien übersetzen Forschung in Versorgung. Doch welche Fragen gestellt werden, welche Daten einfliessen und wer im zuständigen Gremium mitentscheidet, prägt das Ergebnis. Leitlinien können Ungleichheiten abbauen – oder bestehende blinde Flecken fortschreiben.
Auch bessere Empfehlungen setzen sich nicht von allein durch. Oertelt-Prigione berichtete über diagnostische Unsicherheiten, etablierte Überzeugungen und stereotype Vorstellungen über Patientinnen, die einer Anwendung entgegenstehen können. Maria Rubini vom National Centre for Cardiovascular Research in Madrid ergänzte die Sicht der European Society of Cardiology: Fortschritte bei der Beteiligung an Gremien müssen mit klareren Begriffen und abgestimmten Anforderungen in Leitlinien, Registern und Publikationen zusammenkommen.
Lernen, entwickeln, in die Versorgung bringen
Dauerhafte Veränderung beginnt auch bei denen, die künftig behandeln und forschen. Die internationale Ausbildungssession zeigte dafür unterschiedliche Ansätze. Joëlle Schwarz von Unisanté Lausanne stellte unter anderem die Berücksichtigung von Sex und Gender im Schweizer Ausbildungsrahmen «Profiles», ein gemeinsam entwickeltes Kerncurriculum und geteilte Lehrmaterialien vor. Ressourcen bündeln, statt an jeder Hochschule neu zu beginnen: Hier wurde Beck Schimmers Forderung nach Zusammenarbeit konkret.
Ute Seeland von der Universität Magdeburg betonte die Bedeutung von Prüfungsfragen, um Lehrinhalten Verbindlichkeit zu geben. Rosa Maria Bruno von der Université Paris Cité stellte ein Lehrprojekt mit Forumtheater vor: Studierende analysieren dargestellte Gesprächssituationen und übernehmen selbst Rollen. So lassen sich neben Wissen auch Vorannahmen und Kommunikationsmuster reflektieren. Unterschiedliche Wege, aber ein gemeinsames Ziel: Geschlechtersensible Medizin darf nicht auf freiwillige Angebote für ohnehin Interessierte beschränkt bleiben.
Katharina M. Gasser von Roche Pharma Switzerland ergänzte die industrielle Perspektive. Sie beschrieb geschlechtsbezogene Aspekte als bereichsübergreifende Aufgabe – von präklinischen Modellen über klinische Studien bis zur Verbindung von Diagnostik und Therapie. Organoidmodelle und das Institute of Human Biology nannte sie als Ansätze, biologische Forschung und Datenwissenschaft zusammenzuführen. Einen vollständigen Ersatz von Tiermodellen stellte sie dabei ausdrücklich nicht in Aussicht.
Ihre Ausführungen zeigten zudem, dass wissenschaftliche und wirtschaftliche Umsetzung zusammenhängen. Neue Verfahren brauchen nicht nur überzeugende Ergebnisse, sondern auch einen Weg in die Vergütung. Sonst bleibt zwischen Innovation und tatsächlicher Nutzung eine weitere Lücke. Für Unternehmen eröffnen sich Entwicklungsfelder; für die Versorgung stellt sich die Frage, wie daraus ein zugänglicher Nutzen wird.
Die Sache voranbringen, ohne am Begriff zu scheitern
So viel Aktivität trifft auf ein politisches Umfeld, das den Fortschritt nicht selbstverständlich mitträgt. Ffion Storer Jones von DSW warnte in ihrer persönlichen Einordnung vor Widerständen gegen die Berücksichtigung von Gender in Wissenschaft und Gesundheitspolitik. Evidenz sei essenziell, setze sich aber nicht selbst um. Entscheidend sei auch, wer Prioritäten festlege, Mittel verteile und Gesundheitsbedürfnisse politisch sichtbar mache.
Ärztin und Nationalrätin Bettina Balmer beschrieb diese Herausforderung aus dem parlamentarischen Alltag. Bei manchen Ratsmitgliedern löse bereits das Wort «Gender» Abwehr aus. Sie spreche deshalb auch von individualisierter oder präziser Medizin, um das Anliegen zu vermitteln. Ihr Argument verbindet Versorgungsqualität und Ressourceneinsatz: Medizin, die genauer behandelt, soll nicht nur bessere Ergebnisse ermöglichen, sondern auch vermeidbare Folgen unpassender Versorgung reduzieren.
Zwischen den beiden Beiträgen lag eine produktive Spannung. Balmer nutzt andere Begriffe als Türöffner. Storer Jones warnt davor, unter politischem Druck den Inhalt zu verengen und nur noch biologische Unterschiede zu berücksichtigen. Es geht damit um die Balance zwischen verständlicher Kommunikation und wissenschaftlicher Vollständigkeit: anschlussfähig werden, ohne wesentliche Fragen auf der Strecke zu lassen.
Die Ziellinie liegt im Alltag
Der mögliche Nutzen ist vielfältig: tragfähigere Forschung, gezieltere Entwicklung, besser informierte Entscheidungen und eine Versorgung, die unterschiedliche Bedürfnisse ernster nimmt. Dazu kommen wirtschaftliche Chancen und die Aussicht, Ressourcen sinnvoller einzusetzen. Diese Potenziale werden jedoch erst dann wirksam, wenn aus Erkenntnissen verlässliche Praxis wird. Genau an dieser Verbindung arbeiteten die Beiträge des ersten Symposiumstags.
Nguyens Marathonbild gab dieser Aufgabe eine anschauliche Ziellinie: Ihr Rennen sei gewonnen, wenn Gendermedizin keiner zusätzlichen Erklärung mehr bedürfe, sondern schlicht Medizin sei. Nicht unsichtbar, weil ihre Fragen verdrängt werden – sondern selbstverständlich, weil die Antworten in Entscheidungen einfliessen.
Dafür braucht es weiterhin engagierte Menschen. Aber ihre Arbeit darf nicht jedes Mal von vorne beginnen. Beck Schimmers Aufruf, zu Botschafterinnen und Botschaftern des Wandels zu werden, war deshalb mehr als eine Einladung zur Überzeugungsarbeit. Er stand neben der Forderung nach gemeinsamen Standards, Zusammenarbeit und Umsetzung. Fortschritt beginnt mit Engagement. Dauerhaft wird er, wenn gute Ansätze nicht länger die Ausnahme bleiben.
Forschung sichtbar machen
Auch die Posterpräsentationen machten die Vielfalt des Forschungsfelds sichtbar: Aus rund 100 eingereichten Postern waren 14 für die Award Competition ausgewählt worden. In einem moderierten Poster Walk am ersten Tag stellten die Forschenden ihre Arbeiten vor; alle zur Präsentation angenommenen Poster konnten unabhängig vom Wettbewerb besichtigt werden. Für den zweiten Tag sah das Programm neben weiteren Posterpräsentationen Beiträge zu weiblicher Biologie und Gehirnforschung, zur Entwicklung der Gendermedizin in der Schweiz sowie zu KI-Bias, Patientenbeteiligung und Risikokapital vor. Den Abschluss des wissenschaftlichen Programms bildeten die Verleihung des Poster Award und eine gemeinsame Schlussbetrachtung. Das nächste Swiss Gender Medicine Symposium findet am 18. und 19. Oktober 2027 in Bern statt. Erstmals ist dabei auch eine öffentliche Veranstaltung als Teil des Programms vorgesehen.