Nahrungsergänzungsmittel auf Pflanzenbasis erfreuen sich wachsender Beliebtheit – insbesondere seit der COVID-19-Pandemie. Eine aktuelle Studie unter der Leitung der Universität Freiburg in Zusammenarbeit mit der Universität Lausanne und der Universität Genf kommt jedoch zu einem kritischen Ergebnis: In der Schweiz erhältliche Präparate mit Andrographis paniculata (Kalmegh) weisen häufig erhebliche Qualitätsmängel auf.
Da diese Produkte nicht als Arzneimittel zugelassen sind, unterliegen sie weder vor der Markteinführung noch danach den strengen Kontrollen für Phytopharmaka.
Fehlende Wirkstoffmengen und Kontaminationen
Die Forschenden analysierten 40 Produkte aus 13 Ländern, darunter 27 Präparate, die in der Schweiz online erhältlich waren. Mithilfe phytochemischer Analysen zeigte sich, dass lediglich zwei Produkte die auf dem Etikett deklarierte Menge des Wirkstoffs Andrographolid enthielten. Zwanzig Produkte waren unter- oder überdosiert. Drei online erworbene Präparate enthielten giftige Substanzen wie Quecksilber sowie verbotene Pestizide, darunter Strychnin und Butralin.
«Diese Ergebnisse zeigen, dass viele Verbraucher_innen Produkte kaufen, die nicht das sind, was sie vorgeben zu sein – manchmal mit gesundheitlichen Risiken», erklärt Angélique Bourqui, Pharmazeutin an der Universität Freiburg und Erstautorin der Studie. «Der qualitative Unterschied zwischen Nahrungsergänzungsmitteln und zugelassenen Arzneimitteln auf Pflanzenbasis ist frappierend und bringt eine Regelungslücke zutage, die dringend geschlossen werden muss.»
Schwache Regulierung und Onlinehandel als Risikofaktor
Im Gegensatz zu pflanzlichen Arzneimitteln müssen Nahrungsergänzungsmittel weder ihre Wirksamkeit noch ihre Sicherheit oder Qualität in klinischen Studien nachweisen. Nach der Markteinführung finden Kontrollen nur selten statt. Besonders problematisch erwiesen sich online erworbene Produkte.
«Wer im Internet Nahrungsergänzungsmittel auf Pflanzenbasis kauft, geht grosse Risiken ein», warnt Prof. Pierre-Yves Rodondi, Co-Autor der Studie und Professor für Hausarztmedizin an der Universität Freiburg. «Ohne eine angemessene Regulierung und eine unabhängige Kontrolle haben die Verbraucher_innen keinerlei Garantie dafür, was sie tatsächlich einnehmen.»
Relevanz für Gesundheitsfachpersonen
Die Studienautor:innen betonen, dass pflanzliche Produkte nicht per se abzulehnen seien, verweisen jedoch auf die Risiken unzureichend kontrollierter Präparate. «‚Natürlich‘ heisst nicht immer ‚sicher‘», gibt Prof. Rodondi zu bedenken. «Unterdosierte Produkte können unwirksam sein; kontaminierte Produkte können gefährlich sein.»
Empfohlen werden unter anderem strengere Qualitätskontrollen, unabhängige Zertifizierungssysteme sowie eine gezielte Aufklärung von Gesundheitsfachpersonen. Diese sollen Patient_innen aktiv nach dem Konsum von Nahrungsergänzungsmitteln fragen, insbesondere bei unklaren Symptomen oder Vergiftungsverdacht.
«Unsere Ergebnisse bedeuten nicht, dass Produkte auf Pflanzenbasis zu meiden sind», so Rodondi abschliessend. «Sie unterstreichen die Notwendigkeit einer überprüfbaren und vertrauenswürdigen Qualität. Die Schweiz könnte eine Vorreiterrolle bei der Transparenz in diesem stark wachsenden Sektor einnehmen.»
Literatur
Bourqui A, Morin H, Huber R, Csajka C, Podmore C, Wolfender JL, Ferreira EQ, Rodondi PY. Quality assessment of Andrographis paniculata products reveals significant labelling inaccuracies and contaminations. Swiss Med Wkly. 2025;155(12):4728. doi:10.57187/s.4728