Die Antwort lautet zu oft: Für den «Durchschnittspatienten». Das Problem dabei? Dieser Durchschnitt ist – bewusst oder unbewusst – meist männlich gedacht.
Der sogenannte Gender Health Gap zeigt sich in allen Bereichen des Gesundheitswesens: Medikamente werden überproportional an männlichen Körpern getestet. Symptome von Herzinfarkten werden bei Frauen später erkannt, weil sie anders verlaufen als bei Männern. Chronische Erkrankungen wie Endometriose oder Autoimmunerkrankungen bleiben häufig unter-diagnostiziert oder werden lange nicht ernst genommen. Selbst medizinische Algorithmen, die unsere Entscheidungen zunehmend beeinflussen, verstärken diese Verzerrungen, weil sie mit einseitigen Daten gefüttert werden.
Ich finde: Das darf in einer modernen, forschungsbasierten und evidenzorientierten Gesundheitsversorgung keinen Platz mehr haben. Geschlechtergerechte Medizin ist kein «Niceto- have». Sie ist ein Qualitätsmerkmal. Ein Innovationsfaktor. Und eine ethische Notwendigkeit.
Was es dafür braucht, ist klar – aber längst nicht selbstverständlich: Mehr geschlechtersensible Forschung. Eine verpflichtende Datenerhebung nach Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit. Eine gezielte Förderung frauenspezifischer Diagnostik und Therapien. Und vor allem: Fortbildungen für medizinisches Personal, das häufig zu wenig auf geschlechtsspezifische Unterschiede vorbereitet ist. Denn nur wer erkennt, was er sehen soll, kann adäquat behandeln.
Zugleich geht es auch um Sichtbarkeit – nicht nur von Patientinnen, sondern von Fachfrauen. In Forschungsteams. In klinischen Studien. In Spitälern und Gesundheitsbehörden. Und ja, auch in den Chefetagen von Medtechund Pharmaunternehmen. Wer am Tisch sitzt, entscheidet mit. Wer nicht vertreten ist, wird selten mitgedacht.
Ich engagiere mich seit vielen Jahren für mehr Frauen in Führungsrollen – nicht aus Prinzip, sondern aus Überzeugung: Divers zusammengesetzte Teams treffen fundiertere, ausgewogenere und nachhaltigere Entscheidungen. Sie schaffen Vertrauen – bei Mitarbeitenden wie bei Patientinnen und Patienten. Und sie bringen die dringend benötigten Perspektiven in ein System, das für alle funktionieren soll.
Deshalb mein Appell: Nehmen Sie geschlechtsspezifische Unterschiede ernst – als Fachperson, als Entscheidungsträgerin oder als Entwickler im Bio- und Medtech-Sektor. Prüfen Sie Ihre Studien, Ihre Sprache, Ihre Algorithmen. Hinterfragen Sie, wer fehlt – und warum. Und schaffen Sie Strukturen, in denen Vielfalt zur Stärke wird, nicht zur Ausnahme.
Denn Gesundheitsgerechtigkeit beginnt dort, wo Unterschiede nicht ignoriert, sondern integriert werden. Sie ist kein Trend – sie ist eine Voraussetzung für Vertrauen, Wirksamkeit und Fortschritt.