Unfruchtbarkeit ist in der Schweiz ein weit verbreitetes Phänomen, das rund jede fünfte Person betrifft. Gleichzeitig unterschätzt die Bevölkerung die medizinischen Ursachen sowie die mit dem Thema verbundenen psychischen Belastungen massiv. Zu diesem Schluss kommt die neue, repräsentative Studie «Elternschaft in der Schweiz – Ein Bericht über (Un-)Fruchtbarkeit und Kinderlosigkeit» der IBSA Foundation für wissenschaftliche Forschung und des Universitären Forschungsschwerpunkts (UFSP) «Human Reproduction Reloaded» der Universität Zürich. Die Studie zeigt zudem: Der Geburtenrückgang in der Schweiz ist nicht allein auf wirtschaftliche Faktoren oder Unfruchtbarkeit zurückzuführen, sondern zunehmend auch auf veränderte Lebensprioritäten und einen späteren Kinderwunsch. Die Ergebnisse wurden heute im Rahmen eines hochkarätig besetzten Roundtable-Events in Zürich vorgestellt und diskutiert.
Die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick
- Neues Verständnis von Elternschaft und Familie: Immer mehr junge Erwachsene entscheiden sich bewusst gegen Kinder. Ihr Anteil ist in etwas mehr als 10 Jahren von 6 Prozent auf 17 Prozent angestiegen
- Eine Nation später Eltern: Das Durchschnittsalter einer Frau bei der ersten Geburt liegt bei 31,3 Jahren und gehört damit zu den höchsten in Europa.
- Ein weit verbreitetes Thema: Jede fünfte Person (20 Prozent) hat bereits Erfahrungen mit Unfruchtbarkeit gemacht – ein Thema, das oft mit einer erheblichen psychischen Belastung verbunden ist.
- Erhebliche Wissenslücken: Die Bevölkerung unterschätzt den Einfluss des Alters auf die Fruchtbarkeit massiv. Ein Drittel glaubt fälschlicherweise, die weibliche Fruchtbarkeit nehme erst ab 40 signifikant ab.
- Eine Frage der Eigenverantwortung: Eine klare Mehrheit ist der Meinung, dass die Kosten für Kinderwunschbehandlungen privat getragen werden sollten, insbesondere bei fortgeschrittenem Alter (68 Prozent gegen eine Kassenleistung).
Elternschaft wird zur bewussten persönlichen Entscheidung
Die Studie zeigt einen grundlegenden kulturellen Wandel in der Schweiz in der Wahrnehmung von Familie und Elternschaft: Traditionelle Familienmodelle bleiben zwar weiterhin relevant, doch Entscheidungen für oder gegen Kinder werden zunehmend durch persönliche Werte, individuelle Lebensentwürfe und Prioritäten geprägt. Emotionale Ausgeglichenheit, stabile Partnerschaften sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben spielen dabei eine deutlich wichtigere Rolle als rein gesellschaftliche Erwartungen.
Immer mehr junge Erwachsene entscheiden sich ausserdem bewusst gegen Kinder. Ihr Anteil hat sich in den vergangenen zehn Jahren beinahe verdreifacht, von 6 Prozent auf 17 Prozent. Gleichzeitig etabliert sich die medizinisch unterstützte Reproduktion zunehmend als fester Bestandteil der Familienplanung – ein Ausdruck sowohl einer späteren Elternschaft als auch sich wandelnder gesellschaftlicher Realitäten.
«Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Elternschaft heute nicht mehr primär als soziale Norm verstanden wird, sondern zunehmend als bewusst gewähltes und hochindividuelles Lebensprojekt», sagt Prof. Dr. Jörg Rössel, Professor für Soziologie an der Universität Zürich und einer der Studienleiter. «Gleichzeitig verändert sich auch das Verständnis von Familie selbst, da emotionale Beziehungen und Fürsorge stärker gewichtet werden als klassische Familienstrukturen.»
Reproduktion im Wandel: Rollenbilder und ethische Grenzen
Ein weiterer bedeutender Aspekt der gesellschaftlichen Wahrnehmung sei laut Rössel ausserdem die fortwährende Tendenz, die Fruchtbarkeitsfrage primär als «Frauensache» zu betrachten und die männliche Beteiligung am Prozess zu unterschätzen. «Frauen fühlen sich nicht nur häufiger von Unfruchtbarkeit betroffen als Männer – was statistisch unplausibel ist – sondern sind auch bei der Lösungsfindung und Behandlung meistens die treibende Kraft, was klar auf einen Aufklärungsbedarf hinweist».
Andererseits ist die Haltung gegenüber moderner Reproduktionstechnologie grundsätzlich offen, aber differenziert. Verfahren wie die medizinisch unterstützte Fortpflanzung werden mehrheitlich akzeptiert, während bei Methoden wie der Präimplantationsdiagnostik (PGD) oder der Leihmutterschaft deutliche ethische Vorbehalte bestehen. Auch die Frage der Finanzierung wird kontrovers beurteilt: Eine klare Mehrheit lehnt eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen ab, insbesondere bei höherem Alter oder bei als ungesund bewerteten Lebensstilen.
Experten-Roundtable fordert Enttabuisierung
Die weitreichenden Implikationen dieser Erkenntnisse wurden am 9. Juni im Careum Auditorium in Zürich von einem Expertenpanel aus Wissenschaft, Politik und Medizin diskutiert. Im Zentrum stand die Frage, warum immer mehr Menschen in der Schweiz keine Kinder bekommen. Die Expert:innen beleuchteten dabei die gesellschaftlichen Gründe für die späte Elternschaft, die oft unterschätzten biologischen Grenzen der Fruchtbarkeit und die grosse psychische Belastung bei unerfülltem Kinderwunsch. Insbesondere die Diskrepanz zwischen medizinischem Fortschritt und der aktuellen Gesetzgebung wurde intensiv diskutiert. Teil der Runde waren neben Rössel unter anderem der renommierte Reproduktionsmediziner Prof. em. Dr. med. Bruno Imthurn sowie Nationalrätin lic. Iur. Katja Christ. Ein zentraler Konsens des Panels war, dass die Studienergebnisse eine essenzielle Grundlage für die dringend notwendige Enttabuisierung des Themas in der Schweiz schaffen.
«Die Daten zeigen erstmals schwarz auf weiss, wie hoch die Diskrepanz zwischen der grossen Zahl an Betroffenen und dem geringen öffentlichen Bewusstsein für dieses Thema tatsächlich ist, das zudem von Mythen und Stigmatisierung geprägt ist», so Silvia Misiti, Direktorin der IBSA Foundation. «Die Studie gibt Betroffenen eine Stimme und liefert die Basis für Politik und Gesellschaft, um eines der am meisten unterschätzten Themen neu zu bewerten. Unsere Verantwortung ist es nun, eine von Empathie und Wissen geprägte Aufklärung zu fördern.»